Lesehäppchen

 

Aus "Die Frau des Patriziers - Im Schatten der Vergangenheit"

 

Milanna ging langsam die Treppen hinauf ins obere Stockwerk.

Die Schatulle in ihren schweißnassen Händen schien immer schwerer zu werden. Dennoch zwang sie sich dazu, erst bei ihrer Tochter vorbeizusehen, ehe sie ihr Schlafgemach aufsuchte. Catarina schlief selig und ruhig. Sie hatte sie noch gestillt, ehe sie zu Davide in den Salon gegangen war, nun würde die Kleine ein paar Stunden schlummern.

Danach suchte sie ihr eigenes Zimmer auf. Das Kästchen stellte sie auf den kleinen Tisch zwischen den beiden Fenstern und setzte sich. Teresa hatte, ehe sie gegangen war, einige Kerzen angezündet, die den Raum spärlich erhellten.

Milanna zögerte, wagte noch nicht, den Deckel zu öffnen.

Was würde sie darin erwarten?

Sie hatte damals keines der Präsente, die Alexandro ihr zur Insel geschickt hatte, geöffnet, sondern sie alle abgelehnt. Meist waren es kleine Päckchen gewesen, die mutmaßlich Schmuckstücke oder Ähnliches enthielten. Darüber hinaus waren Botschaften angekommen, die sie ebenfalls nie gelesen, sondern stets zurückgeschickt hatte.

Schließlich, nach einer Weile, die ihr selbst wie eine Ewigkeit vorkam, streckte sie die Hand aus und hob langsam den Deckel der Schatulle an.

Ein kleiner, kunstvoll geschliffener Spiegel war in ihn eingelassen, so dass sie nach dem vollständigen Öffnen als Erstes ihre eigenen Augen sah. Im Schein der unruhigen Flammen wirkte ihr Spiegelbild rastlos und gehetzt. Das Glas trug eine Gravur.

 

‚Ich zeige, was ich liebe‘

 

Erneut jagte eine Gänsehaut über Milannas Arme, und sie zog fast unangenehm berührt die Schultern hoch, ehe sie Mut fasste und sich dem Inhalt zuwandte.

Es waren mehrere Beutelchen aus blutrotem und königsblauem Samt, unterschiedlicher Größe, sorgsam verschnürt und mit kleinen Schleifen versehen. Sie öffnete das Erste und ließ den Inhalt auf ihre Handfläche gleiten.

Es war ein aus Gold gehämmertes Herz, rundherum mit Diamanten und Rubinen verziert, das sie als Brosche oder auch als Anhänger tragen konnte. Die Arbeit war so exquisit wie die Steine selbst.

Atemlos öffnete sie das nächste Säckchen, das ein wenig größer und praller gefüllt war als das vorherige. Darin fand sie das zum Anhänger passende Collier. Selten hatte Milanna Edelsteine von schönerem Feuer und Schliff gesehen. Wie beinahe erwartet, fanden sich auch die dazu passenden Ohrringe in einem der nächsten Säckchen, das sie öffnete. Das gesamte Ensemble war atemberaubend schön und sein Wert musste enorm sein.

Milanna hielt einen Moment inne und betrachtete die Schmuckstücke. Kaum mochte sie sich an ihnen erfreuen, zu sehr hielten sie ihr die eigene Dummheit vor Augen, die sie engstirnig und stur auf ihrer Meinung hatte beharren lassen, anstatt nachzugeben und Alexandro zu verzeihen.

Sie raffte sich auf und packte weiter aus.

Ein wundervoll verzierter Fächer kam zum Vorschein. Ein Ring, dessen hell schillernder Opal von einer Vielzahl winziger, cremefarbener Perlen umgeben war. Eine fein gearbeitete gläserne Schreibfeder und das dazugehörige Fässchen mit dunkelroter Tinte. Aber auch eine außergewöhnliche, exotisch geformte Muschel und eine getrocknete Rosenblüte. Ein kleiner Flakon kostbaren, betörend duftenden Rosenöls. Und dann noch eine einzelne schwarze Perle von imposanter Größe.

Milanna betrachtete fassungslos die Schätze, die sie auf dem Tisch ausgebreitet hatte, und wusste nicht, ob sie sich an ihnen freuen oder lieber weinen sollte. Auf dem Grund der nun leeren, kleinen Truhe lagen vier Briefe, an sie gerichtet und versiegelt. Diese nahm Milanna nun heraus und erkannte mit stockendem Atem die Handschrift: Schwungvoll, dominant und einprägsam – das Kärtchen, das Alexandros Parfüm beigegeben war, hatte dieselbe Schrift getragen.

Ihre Beklemmung kehrte zurück, als sie die Briefe genauer betrachtete – auch sie waren von ihr ungelesen zurückgesendet worden. Drei von ihnen waren auf jenen Zeitraum datiert, in dem sie allein auf der Insel zurückgeblieben war, um ihrem Starrsinn zu frönen. Sie waren nicht versiegelt, nur gefaltet, und enthielten jeweils kurze, eindringliche Appelle an sie.

 

‚Liebste, lasst mich nicht länger betteln – ich bedaure diese Posse aufrichtig, nicht jedoch, dass ich Euch dadurch fand!‘

 

So lautete die erste Nachricht.

Die zweite war in ähnlichem Ton gehalten.

 

‚Milanna, amore mio, ich bitte Euch inständig, Euren Dickkopf beiseite zu lassen und mir die Möglichkeit einer Erklärung zu geben. Ich muss Euch unbedingt wiedersehen – kommt zurück in die Stadt!‘

 

Die dritte Nachricht schließlich zeugte von verzweifelter Wut und verletzten Gefühlen.

 

‚Ihr quält mich – aus Eurer Sicht vermutlich zu Recht. Doch Ihr sollt wissen, ich bin auch nur ein Mensch und als solcher fehlbar. Ich vermisse Euch schmerzlich, und nur mein verdammter Stolz hindert mich daran, Euch aufzusuchen und hierher zurückzuschleppen – in meine Arme, wo Ihr hingehört. Wie könnt Ihr es wagen ... so unbeugsam zu sein! Seid Ihr nun damit zufrieden, mich so leiden zu lassen?‘

 

Mit einem kurzen, bitteren Lachen quittierte sie die offenkundige Fassungslosigkeit eines Mannes, der nicht an Niederlagen gewöhnt war. Der letzte, verbliebene Brief unterschied sich von den anderen. Er war dicker, trug ein blutrotes Siegel – und das Datum von Alexandros Todestag.

 Sie zerbrach das Siegel und faltete das schwere, kostbare Papier langsam auseinander. Die Worte verschwammen vor ihren Augen, doch sie versuchte, sich nicht von ihren Gefühlen überwältigen zu lassen ...

 

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