Lesehäppchen

 

Aus "Die Braut des Patriziers - Im Zauber der Lagune"

 

Milanna schluckte nervös. Ihre Handflächen waren feucht, und sie war froh, leichte Lederhandschuhe zu tragen, als Lorenzo ihre rechte Hand in die seine nahm und sie für alle sichtbar zwischen sich und Davide in die Höhe hielt.

„Ehrwürdiger Messer Davide Malipiero, empfangt an Vaters statt aus meinen Händen Eure Verlobte und künftige Gemahlin Milanna Laura Maria Borghin. Ich übergebe und übertrage Euch unwiderruflich die Sorge für ihr körperliches, geistiges und seelisches Wohl, damit Ihr sie vor den Altar führen und künftig für sie verantwortlich sein mögt. So frage ich Euch, Messer Davide: Nehmt Ihr diese Aufgabe an?“

„Ich nehme diese Aufgabe mit frohem Herzen und wachen Sinnen an, Messer Lorenzo Borghin. Ich danke Euch für das Vertrauen, das Ihr mir entgegenbringt, und verspreche, künftig für Eure geliebte Nichte zu sorgen und sie mit meinem Hab und Gut zu versehen, sie mit meiner Ehre zu verteidigen und sie an meinem Glauben teilhaben zu lassen.“

Seine warme, tiefe Stimme jagte Milanna unwillkürlich einen Schauer über den Rücken.

„Dann sei es der Wille Gottes, unseres Herrn, dass unsere beiden Familien sich verbinden mögen zur Ehre unserer geliebten Republik Venedig und des Himmels!“

Mit diesen Worten ließ Lorenzo Milannas Hand sinken und übergab sie an Davide, der ihre Finger in seine nahm und sie leicht drückte. Dann zog er sie näher zu sich heran, so dass sie nun dicht vor ihm stand. Milanna streifte ihre Handschuhe ab und Davide küsste sachte ihre beiden Handrücken. Dann fasste er die Kante ihres Schleiers.

Während er ihn langsam, sehr langsam anhob, hielt sie nervös den Atem an. In dem Moment, in dem sich ihre Blicke ungehindert trafen, lächelte Milanna unsicher zu Davide auf, der sichtlich erstarrte. Sein Blick glitt an ihrem Gesicht auf und ab und sie sah seinen Adamsapfel hüpfen, als er hart schluckte.

Er beugte sich nahe zu ihr. „Ich hatte ja nicht geahnt, dass Ihr eine solche Schönheit seid!“, murmelte er mit rauer Stimme, ehe er sie brüderlich auf die Stirn küsste. „Der Schleier hat Eure Reize zu gut verborgen, meine Teure!“

Von Seiten der Gäste, die anscheinend in atemloser Spannung gelauscht hatten, brandete Beifall auf, der alsbald in Getuschel, Geplauder und zustimmendes Gelächter überging. Milanna spürte ihre Wangen brennen vor Freude. Strahlend sah sie zu ihm auf, als er sich aufrichtete und einen Schritt zurücktrat. Sie kam allerdings nicht mehr dazu, etwas zu erwidern, denn ein Diener läutete mit einer silbernen Glocke das Festmahl ein und sie ließ sich von ihrem Verlobten zur Mitte der festlich gedeckten Tafel führen.

Obwohl Davide ihr offensichtlich die besten Bissen vorlegte, brachte sie kaum etwas herunter.

Ihr Onkel und ihre Tante hatten sich neben sie und Davide gesetzt: Lorenzo schwieg sie beharrlich an. Er hatte mit der Übergabe seine Schuldigkeit getan und nun, da Milanna Bescheid wusste, fiel auch ihr auf, dass er sich seinen Pokal ständig nachfüllen ließ. Validia war bleich und aß ebenfalls nur wie ein Vögelchen. Auf der anderen Seite hatte Andrea Platz genommen, der gleichfalls nur düster vor sich hin sah. Hätte Davide nicht versucht, in aller Ruhe und Höflichkeit ein Gespräch mit ihren Verwandten in Gang zu halten, hätte an ihrer Seite der Tafel gewiss eisiges Schweigen geherrscht. Wenigstens schienen die anderen Gäste nichts davon zu bemerken.

Unauffällig ließ Milanna ihre Blicke schweifen.

Es waren tatsächlich kaum mehr als zwanzig Personen anwesend – angesichts der Tatsache, dass die beiden Familien Borghin und Malipiero zu Venedigs hohem Geldadel gehörten, geradezu ein Hohn. Verlobungen wie diese wurden in der Regel mit mehr als zweihundert illustren Gästen gefeiert.

Beschämt senkte sie den Blick auf ihren Teller und sah, wie Davide ihr soeben eine besonders schöne und große Erdbeere auftat. Verlegen dankte sie ihm und erntete dafür eine leichte Verbeugung und ein warmes Lächeln. Allein schon für dieses Lächeln flog ihm an diesem Abend ihr Herz zu.

Als schließlich alle Teller abgetragen worden waren, entspannte sich die Gesellschaft. Man erhob sich von der Tafel und stand in zwanglosen Grüppchen beieinander. Davide bot Milanna den Arm und führte sie an eins der geöffneten Fenster, die hinaus in den kleinen Garten führten.

„Lasst mich Euch noch sagen, meine Liebe, wie sehr mich Euer Verlust dauert!“ Milanna begriff nicht sofort und sah ihn fragend an. „Das tragische Ableben Eures Vaters. Es ist schließlich der Grund dafür, dass wir in so kleinem Kreise verlobt wurden – es wäre unschicklich, die gebotene Trauer über Gebühr durch ein rauschendes Fest zu missachten, daher haben wir auch davon abgesehen, zum Tanz aufzufordern.“

„Danke, das ist sehr rücksichtsvoll von Euch!“, würgte sie hervor.

„Nur eine Selbstverständlichkeit, die der Anstand gebietet“, wehrte er ab.

„Es tut mir leid, wenn Ihr dadurch um die Gelegenheit einer großen Feier gebracht wurdet!“ Milanna wusste nicht, was sie sonst hätte sagen sollen. „Vielleicht hätte man doch besser gewartet bis nach der Trauerzeit, so dass Ihr …“

„Ach was, sorgt Euch nicht!“, unterbrach er sie, doch es klang keineswegs unhöflich. „Auch mir ist es durchaus recht so – ich schätze große Menschenansammlungen nicht sonderlich, müsst Ihr wissen!“

 „Nein?“ ...

 

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