Lesehäppchen

 

Aus "Ungesagte Worte"

 

„Damiano Mantovani? Du meinst doch nicht etwa den Damiano Mantovani?“

Fassungslos sitze ich meiner Freundin Ambra gegenüber und kann kaum glauben, was sie mir da gerade vorgeschlagen hat. Ein Lächeln spielt um ihre Mundwinkel, als sie nickt.

„Doch, Liebes, genau den meine ich!“

Ich bin sprachlos und sehe aus dem Fenster hinaus in die Dämmerung, um Zeit zu gewinnen und diese Information zu verdauen. Ambra ist Gott sei Dank geduldig, schließlich weiß sie, was dieser Name für mich bedeutet …

Damiano Mantovani ist Schriftsteller und schreibt Erotikthriller. Er hat die wohl sinnlichsten Geschichten verfasst, die ich jemals gelesen habe, und ich verehre ihn, seit ich zum ersten Mal eines seiner Bücher in die Finger bekam. Jahrelang haben sie mich begleitet, mir durch einsame Stunden geholfen, mir schlaflose Nächte versüßt. Ich habe sie so oft durchgeblättert, dass sie am Ende ganz zerlesen waren und ich im Antiquariat nach Ersatz suchen musste. Er ist direkt und verlockend, dabei aber einfühlsam und nie vulgär. Für mich war es von Anfang an unmöglich, diesem Charme zu widerstehen. Vielleicht hatte ich damals aber auch einfach nur zu viel Fantasie. Oder zu viele Sehnsüchte.

Oder beides.

Aber das ist lange her, und nun sitze ich hier an der Bar des ‚Stella di Mare‘ bei einem kühlen Drink und bekomme ein derart unerwartetes Angebot, dass mir heißkalte Schauer über den Rücken jagen: Damiano Mantovani sucht einen Lektor!

Ich weiß nicht, ob ich mich darauf einlassen kann, aber ich weiß ebenso wenig, ob ich es schaffen werde, nein zu sagen. Und wie ich diese große Ehre gegebenenfalls ablehnen soll, ohne meine wahren Beweggründe dafür preiszugeben.

„Erde an Carlotta – hallo?“, unterbricht meine beste Freundin meine Gedanken. „Wo bleiben die Begeisterungsstürme? Ich dachte, ein Treffen mit deinem Idol wäre das Größte für dich?“

„Ja, schon …“

Zu meinem Glück taucht jetzt Raffaele auf und enthebt mich einer Antwort. Ich beobachte, wie er sich neben Ambra setzt. Wie die beiden sich ansehen. Er sagt etwas zu ihr, es geht um die Weinkarte, irgendetwas, ich höre nicht wirklich zu. Ich beneide sie.

Als die beiden sich kennen lernten, hätte ich keinen Pfifferling darauf gegeben, dass daraus tatsächlich etwas Ernsthaftes werden könnte. Raffaele war als der größte Frauenaufreißer der nördlichen Adriaküste verschrien, und genau in ihn musste meine Freundin Ambra sich verlieben! Und zunächst sah es auch gar nicht nach einem Happy End aus. Dann verarbeitete sie die verzwickte Geschichte ihrer Lovestory als Roman und landete damit einen Treffer. Raffaele las dieses Buch– und das führte sie letzten Endes zusammen. Sie himmeln sich an wie am ersten Tag, und mir wird schmerzlich bewusst, dass ich eine solche Beziehung noch nie in meinem Leben hatte.

Und wahrscheinlich auch nie haben werde.

Plötzlich gehört ihre Aufmerksamkeit wieder mir, anscheinend haben sie zum Schluss nicht mehr über Wein, sondern über mich und mein Zögern gesprochen.

„Es macht keinen Sinn, sie zu drängen, Ambra“, höre ich Raffaele für mich Partei ergreifen. „Wenn sie es nicht machen will, dann bringt es Damiano auch nichts.“

„Ich habe ja noch gar nicht Nein gesagt“, erwidere ich. Wenn ich schon ablehne, will ich es wenigstens selbst tun. „Was ist denn eigentlich mit ihm passiert? Warum hat er einfach aufgehört zu schreiben und ist vollkommen in der Versenkung verschwunden? Ich habe das Internet nach Informationen durchforstet, aber kaum etwas Konkretes gefunden.“

„Seine Frau ist gestorben“, antwortet Raffaele nüchtern. „Krebs.“

„Oh!“, sage ich betroffen.

„Da hat er aufgehört zu schreiben“, ergänzt Ambra. „Angeblich hatte er ein schlechtes Gewissen, weil er sich nicht genug um sie gekümmert hat in dieser schweren Zeit.“

„Das klingt wirklich tragisch“, murmle ich.

„Dann kann Damiano kommen und selbst mit dir reden?“, hakt Ambra vorsichtig nach. „Er wird dir alles mit Sicherheit besser erklären als wir, und dann kannst du ja deine endgültige Entscheidung treffen.“

Ich knicke ein. „Also gut.“ Die Aussicht, mein absolutes Idol, nein, eigentlich meine langjährige, unerfüllte Liebe persönlich kennenzulernen, hat mich nun doch mürbe gemacht.

Raffaele steht auf. „Ich rufe ihn an. Es ist ohnehin bald Zeit fürs Abendessen, vielleicht kommt er ja gleich vorbei.“ Er wendet sich seinem Smartphone zu.

Ich muss verrückt sein.

Das kann ich unmöglich machen!

Seit Jahren schwärme ich für diesen Mann, bin heimlich oder auch unheimlich in ihn verknallt und nun soll ich ihn persönlich kennen lernen? Mit ihm zusammenarbeiten? Das kann nicht gut gehen. Aber noch habe ich ja nicht zugesagt und kann jederzeit einen Rückzieher machen. Noch ist nichts passiert, tröste ich mich halbherzig und weiß im selben Moment, dass ich mich selbst belüge und wahrscheinlich doch nachgeben werde. Das Einzige, was mich jetzt noch retten kann, ist jede Menge Selbstdisziplin.

Raffaele kommt zurück und nickt zufrieden. „In einer halben Stunde ist er hier, dann könnt ihr euch in Ruhe unterhalten.“

Mein Herz fängt dummerweise an, mir bis unter die Schädeldecke zu schlagen, denn bisher hatte ich noch die Chance, dass er vielleicht gar nicht kommen würde. Jetzt aber steht sein Erscheinen tatsächlich fest.

Als Ambra mich anrief und nach Marina Caleri einlud, dachte ich einfach nur an einen netten Mädelsabend, so wie damals, als ich bei ihrem Rechercheaufenthalt hier zu Besuch war und wir uns gepflegt einen angetrunken haben.

„Du hättest mir sagen sollen, was du im Schilde führst“, maule ich.

„Dann wärst du vielleicht nicht gekommen“, kontert sie nicht ganz unberechtigt.

„Ich hätte mich ein bisschen schicker angezogen“, murre ich weiter.

„Was hast du nur für ein Problem? Du siehst doch nett aus in diesen Klamotten!“

„Ich habe einen fetten Hintern in dieser Hose!“ Ich werde immer nervöser, und das äußert sich darin, dass ich anfange, herumzunörgeln. Und ‚nett‘ ist ja nun wirklich nicht das, was man vermitteln möchte, wenn man zum ersten Mal den großen Schwarm seines Lebens trifft.

„Quatsch!“, fährt sie mir über den Mund. „Mach nicht so einen Aufstand, dein Outfit ist schon in Ordnung.“

Ich schlucke eine Erwiderung hinunter. Das, worum wir uns da so sinnlos kabbeln, ist eine gemütliche Ökokombination: bequeme Leinenhose, ein luftiges Shirt und darüber eine leichte Jacke. Eigentlich liebe ich solche Teile, aber nicht gerade dann, wenn ich damit einem Mann gegenübertreten soll, vor dem ich eigentlich lieber seriös und professionell wirken will, anstatt wie gerade von einer Umweltdemo zurückgekehrt.

Hätte ich gewusst, dass ich Damiano Mantovani begegnen würde, hätte ich mich offizieller gekleidet. Und mich auch ein wenig geschminkt. Und ganz sicher vorher noch schnell zehn Kilo abgenommen. Und wahrscheinlich wäre ich tatsächlich lieber zu Hause geblieben, wie Ambra ja befürchtet hat.

Wenn ich nur wenigstens noch einmal eins seiner Bücher in der Hand gehabt hätte, ehe ich hergekommen bin! Mein Alltag hat in der letzten Zeit nicht viel Raum für Träumereien gelassen, und so fühle ich mich reichlich unvorbereitet. Ich habe Lampenfieber wie vor einer Prüfung. Dabei bin ich über dreißig und sollte eine solche Situation doch eigentlich locker im Griff haben! Er wird mich ja auch kaum über seine früheren Arbeiten ausfragen.

Schon jetzt kommt mir die angekündigte halbe Stunde endlos vor, und zugleich wünsche ich mir, dass die Zeit stillsteht. Mit schweißfeuchten Händen sitze ich da und sehe zu, wie das Lokal sich langsam füllt. Die halbe Stunde ist längst vorbei, Ambra ist kurz in Raffaeles Büro verschwunden. Meine Gedanken drehen sich im Kreis.

Wie er wohl in Wirklichkeit sein mag? Ob er tatsächlich etwas Dämonisches an sich hat, wie ich es immer schon mit seinem Namen – Damiano – verbunden habe und wie es auch einmal ein Journalist hat anklingen lassen? Der nannte ihn damals den ‚Erotik-Dämon‘. Und wie er wohl heute aussehen mag? Die Fotos, die ich von ihm kenne, sind alle von seiner offiziellen, aber inzwischen längst veralteten Autorenhomepage oder von Wikipedia und zeigen einen dunkelhaarigen Schönling mit scharf geschnittenen Zügen und einem umwerfenden, siegessicheren Lächeln. Seit es vor einigen Jahren plötzlich und überraschend still um ihn geworden ist, wurde nichts mehr aktualisiert.

Jetzt will er anscheinend wieder in die Öffentlichkeit treten.

Wie ein Bodyguard behalte ich ständig den Eingang des Lokals im Visier. Trotzdem entgeht mir Mantovanis Erscheinen, weil er offensichtlich den Hintereingang benutzt.

„Du musst Carlotta sein“, sagt eine dunkle Stimme neben mir.

Ich fahre mit einem leisen Schreckenslaut herum und starre in ein vom Leben gezeichnetes, aber immer noch verdammt attraktives Gesicht. Der Mann, der zu diesem Gesicht gehört, ist größer, als ich ihn mir vorgestellt habe, und hat eine ungeheure physische Präsenz. Er streckt mir die Hand zur Begrüßung entgegen. Nach kurzer Schockstarre greife ich hastig danach. Ganz nebenbei schäme ich mich dafür, dass meine Finger schweißnass und glitschig sind.

„Ich wollte dich nicht erschrecken“, sagt er und duzt mich weiterhin ganz selbstverständlich. Da taucht auch schon Ambra auf.

„Ah, du hast sie also schon gefunden.“ Sie begrüßen sich herzlich wie zwei alte Bekannte, während ich nervös von meinem Barhocker rutsche.

„War ganz leicht“, lächelt er sie an. „Du hattest deine Freundin wirklich gut beschrieben.“

Ambra lächelt zufrieden zurück, und ich kann mich des Eindrucks nicht erwehren, dass sie sich schon längst mit ihrem Kollegen verbündet hat. Das kann ja heiter werden.

Aber ich kann noch immer ablehnen.

„Setz dich“, fordert meine Freundin ihn nun auf und deutet auf den Tisch, der für uns gedeckt worden ist. „Raffaele kommt auch gleich, dann können wir uns vor dem Essen noch ein bisschen unterhalten.“

Mantovani gleitet auf den Stuhl mir gegenüber. Ich starre auf die sorgsam gefaltete Serviette vor mir und versuche, meinen fliegenden Atem unter Kontrolle zu bekommen. Hoffentlich bemerkt er nicht, wie meine Hände zittern. Er muss mich ja sonst für eine komplette Idiotin halten.

„Du bist also meine neue Lektorin“, höre ich ihn sagen und finde das beinahe frech.

Keinesfalls will ich mich so einfach von ihm überfahren lassen. Ich hätte außerdem, fällt mir leider erst jetzt ein, Ambra darüber befragen sollen, was genau sie ihm über mich gesagt hat. „Was? Nein! Darüber müssen wir erst noch reden! Ganz so einfach ist das nicht, es gibt noch viel zu viele ungeklärte Fragen.“

„Tatsächlich?“, fragt er halblaut und sieht mich aufmerksam an.

Ich bemerke ein Netz von feinen Fältchen um seine Augen. Ob ihm aufgefallen ist, dass ich eine direkte Anrede vermieden habe? Ich schaffe es einfach nicht, ihn so aus dem Stand heraus zu duzen, wie er das ganz selbstverständlich macht. Er spricht nicht weiter, weil Ambra sich zu uns setzt und auch Raffaele an unserem Tisch Platz nimmt. Der Maître schenkt uns Wein ein und stellt eine Karaffe Wasser auf den Tisch. Ich beobachte alles wie durch einen Schleier und fange voller Unbehagen einen nachdenklichen Blick von ihm auf.

Zum Glück retten mich meine Freunde, und wir schaffen es, ein einigermaßen gelöstes Abendessen hinter uns zu bringen, weil die beiden völlig unbefangen die Unterhaltung bestreiten und dabei auch mich und mein Gegenüber mit unverfänglichen Fragen einbeziehen. Raffaele hat viel zu erzählen und tut es auf eine angenehm lockere Art. Ambra hat mir mal von seiner Stimme vorgeschwärmt, und ich muss zugeben, sie hat nicht übertrieben. Allerdings ist es nicht Raffaele, der mir mit seinen Worten gelegentliche Schauer über den Rücken jagt, sondern Damiano. Er klingt noch tiefer und nicht so samten wie Raffaele, nicht so weich und verführerisch wie er. Das ist eher eine klassische Reibeisenstimme. Er hat eine faszinierende Gestik und ich starre immer wieder wie gebannt auf seine ausdrucksstarken Hände. Es sind schöne, schlanke, aber kräftige Finger. Einen Moment lang vergesse ich alle Vorsichtsmaßnahmen und stelle mir diese Finger auf nackter Haut vor, doch ich rufe mich schnell wieder zur Ordnung.

Wenn er doch nur irgendetwas hätte, das ich auf den ersten Blick abstoßend finden könnte! Etwas, das mich enttäuscht, das mir missfällt. Aber da ist nichts, zumindest noch nicht. Er entspricht keineswegs dem Bild, das ich mir vor langer Zeit von ihm gemacht habe – er übertrifft meine Erwartungen vielmehr bei Weitem, das ist etwas, womit ich nicht gerechnet habe, und es verunsichert mich.

Ich atme tief ein und erinnere mich an meine Selbstdisziplin. Ich werde zu allem Nein sagen und jedem Gedanken an einen Lektoratsauftrag widerstehen, egal wie verlockend er auch sein mag. Ich könnte mit Sicherheit nicht objektiv arbeiten, könnte keine klare Trennung zwischen meiner privaten Bewunderung und technischer Kritik an seiner Arbeit vornehmen. Und wenn ich eine schwache Leistung abliefere, wie steht dann Ambra vor Damiano da? Das könnte auch noch meine Freundschaft zu ihr gefährden, und das will ich nun wirklich nicht riskieren.

Der Küchenchef holt Raffaele von unserem Tisch, und auch Ambra erhebt sich mit einer fadenscheinigen Ausrede. „Dann könnt ihr schon mal die Einzelheiten eurer Zusammenarbeit besprechen“, meint sie noch gut gelaunt, ehe sie einfach so verschwindet und mich meinem unausweichlichen Schicksal überlässt.

Diese Verräterin!

„Es sieht allerdings nicht so aus, als würde es eine Zusammenarbeit geben“, murmelt Mantovani mehr zu sich selbst und mustert mich erneut mit nachdenklichem Blick. Ich fühle mich in die Enge getrieben und habe schon jetzt ein schlechtes Gewissen. Also noch mal tief Luft holen.

„Ich habe mich noch nicht entschieden“, informiere ich ihn bemüht nüchtern.

Er sitzt mir aufmerksam vorgebeugt gegenüber, auf die Ellbogen gestützt, die Hände locker um die Oberarme gelegt, und sieht mich an. Er ist ungeheuer attraktiv, denke ich am Rande, ehe ich meine Aufmerksamkeit seinen breiten Schultern zuwende, die von einer abgewetzten, schwarzen Lederjacke noch betont werden. Mir wird der Kontrast bewusst – das Kleidungsstück dürfte ihm gar nicht so gut stehen, aus diesem Alter ist er doch eigentlich längst raus.

„Was brauchst du, um zu entscheiden?“, fragt er sachlich.

„Ich möchte noch ein bisschen mehr wissen“, weiche ich aus. Das wahre Motiv für mein Zögern kann und will ich ihm keinesfalls auf die Nase binden.

Er nickt bereitwillig. „Was genau?“

„Warum wendest du dich nicht an deinen früheren Verlagslektor?“ Das vertrauliche ‚Du‘ spießt sich noch ein wenig in meinem Mund, aber ich spreche es tapfer aus.

Er nickt wieder. „Du bist also über meine frühere Arbeit im Bilde.“

„Ja.“ Mehr will ich mir dazu nicht entlocken lassen. Seine erotischen Zeilen haben mir des Öfteren Hitzewallungen beschert, also hoffe ich, dass er nicht jetzt mit mir über diese ‚frühere Arbeit‘, wie er es so nonchalant nennt, sprechen will.

„Ich war zutiefst enttäuscht darüber, wie verständnislos mich mein Verlag behandelt hat, während ich privat in einer sehr schwierigen Phase war“, beginnt er sachlich zu erzählen, ohne auf die ‚schwierige Phase‘ näher einzugehen.

„Ambra hat es angedeutet“, merke ich leise an, weil ich nicht weiß, ob er darüber sprechen möchte. „Tut mir sehr leid.“

Er hält inne, betrachtet mich, nickt. „Danke“, sagt er dann sehr ruhig und gefasst. „Ja, man hat mich nach dem Tod meiner Frau vor eineinhalb Jahren nicht gerade mit Verständnis behandelt. Aber auch schon in der Zeit davor, als sie krank war, lief es nicht so, wie man es sich in einer solchen Situation wünscht. Das ist jetzt alles in allem drei Jahre her.“

„So lange schon?“ Ich kann es kaum fassen. Aber natürlich – das letzte Buch, das er veröffentlicht hat, fiel mir kurz nach Ende meines Studiums in die Hände. Der reifste seiner Romane.

Und auch der prickelndste.

„Ja, so lange schon.“ Er schweigt einen Moment, betrachtet konzentriert das Besteck, das vor ihm auf dem Tisch liegt. Dann spricht er weiter. „Deshalb möchte ich von denen nichts mehr wissen. Ich habe keine vertraglichen Bindungen mehr, also kann ich gehen, wohin ich will, und veröffentlichen, wie ich will. Ich werde das zunächst alles in die eigene Hand nehmen.“

„Ah.“ Ich nicke und mir fällt auf, dass ich seine Körpersprache kopiere. Ich sitze jetzt genauso da wie er: auf die Ellbogen gestützt, leicht vorgebeugt, die Hände um die Oberarme gefasst. Ganz nebenbei saugt der Stoff meines Jäckchens auch noch den Schweiß meiner Hände auf. Praktisch, aber hoffentlich sieht man nachher die Abdrücke nicht!

„Außerdem“, fährt Mantovani fort, „war mein dortiger Ansprechpartner ein Mann.“ Ich runzle fragend die Stirn.

„Ich möchte dieses Mal bereits in der Entstehungsphase wissen, wie das, was ich schreibe, auf Frauen wirkt“, erklärt er mit einem fast entschuldigenden Achselzucken. „Daher suche ich eine Lektorin.“

„Du bleibst also bei deiner bisherigen Thematik?“ Ich habe mich hoffentlich neutral genug ausgedrückt. In seiner Gegenwart auf seine handfeste Erotik anzuspielen, würde ich beinahe als anzüglich empfinden.

Er selbst hat da offensichtlich weniger Probleme, das beweist mir seine Antwort. „Ja, ich bleibe explizit erotisch, aber ich würde gerne auch noch den Thrilleraspekt verstärken.“

Ich nicke zustimmend. „Das verkauft sich mit Sicherheit. Spannung mit Erotik ist derzeit der Renner.“

„Tatsächlich?“ Er verzieht das Gesicht. „Das kommt davon, wenn man sich so von der Außenwelt abschottet, wie ich das in den letzten Jahren getan habe. Das wird dann wohl so aussehen, als sei ich der Trittbrettfahrer auf diesem Zug.“

„Das kann ich mir nicht vorstellen, du warst doch damals der Vorreiter“, widerspreche ich aufrichtig. Dann fällt mir noch etwas ein. „Hast du vielleicht noch Testleser von früher?“

Er schnauft – es klingt beinahe nervös. „Nein, habe ich nicht. Ich habe die letzten Jahre so abgeschieden verbracht, dass ich nicht mal wüsste, an wen ich mich jetzt damit wenden sollte.“

„Die findet man in der Regel im Internet. Über ein Facebook-Profil geht das zum Beispiel relativ schnell und unkompliziert.“ Ich überlege kurz. „Wahrscheinlich hast du diesbezüglich länger nichts mehr unternommen, oder?“

Mantovani grinst freudlos. „Nein. Ich wollte von all dem nichts mehr wissen und habe wohl viel versäumt in den letzten Jahren.“

Das hat er. Ich lehne mich in meinem Stuhl zurück. Aus dem schlichten Lektorat wird vor meinem inneren Auge in Sekundenschnelle ein faszinierendes Gesamtpaket. Er kommt mir mit einem Mal vor wie ein hilfloser Junge, der fantastische Bauklötze zum Spielen hat, aber nicht so recht weiß, was er damit anfangen soll. Was für eine Herausforderung! Es juckt mich förmlich in den Fingern, aber – es wäre sehr unvernünftig. Dabei ist es so verlockend! Ob ich nicht doch vielleicht …?

„Wollen wir ein paar Schritte gehen?“, fragt er mich da unvermittelt.

Mein geistesabwesender Blick kehrt zu ihm zurück – er weiß nicht, dass er mich genau im richtigen Moment aus meinen Überlegungen gerissen hat. Ich war kurz davor, meine Meinung zu ändern, aber der Augenblick ist zum Glück vorüber und ich atme auf. „Das können wir machen, ja.“

Von wo aus uns Ambra und Raffaele beobachtet haben, ist mir entgangen, doch als wir aufstehen, sind sie urplötzlich da.

„Ihr wollt schon los?“ Sie klingt enttäuscht.

„Er will ein paar Schritte gehen“, wiederhole ich seinen Vorschlag wörtlich, während Damiano seine Brieftasche aus der Jacke holt.

Raffaele wehrt entschieden ab, und erst nachdem die beiden sich geeinigt haben, dass unser Essen aufs Haus geht, ziehen wir los. Es ist lau und angenehm auf der Strandpromenade. Wir schlendern schweigend und mit gebührendem Höflichkeitsabstand nebeneinander her. Meine Anspannung lässt zwar langsam nach, aber ich bin noch meilenweit von einer geistreichen Gesprächspartnerin entfernt. Damiano Mantovani sieht offensichtlich auch keinen triftigen Grund, mich zu unterhalten, und so hängen wir beide unseren Gedanken nach. Noch ist nicht allzu viel los in Marina Caleri, die Saison beginnt erst in ein paar Wochen. Wie es der Zufall will, stehen wir nach einem etwa halbstündigen Bummel plötzlich vor dem Lokal, in dem ich damals mit Ambra den Abend verbracht und mir einen ziemlich gepflegten Schwips zugelegt habe.

„Du lächelst. Das erste Mal übrigens an diesem Abend.“

Ich wende mich erstaunt um. „Tatsächlich?“

„Ja. Bist du immer so ernst?“

„Na ja, meistens. Und heute Abend bin ich noch dazu ein bisschen nervös“, gestehe ich.

„Du brauchst nicht nervös zu sein“, meint er und schafft es tatsächlich, nicht gönnerhaft zu klingen. „Bisher haben meine Lektoren immer mich zerlegt, nicht umgekehrt!“

„Noch bin ich nicht deine Lektorin“, höre ich mich mit viel zu abweisender Stimme sagen.

„Und genau darüber reden wir jetzt. Komm!“ Er fasst mich sanft am Ellbogen und bugsiert mich ins Lokal. Ich empfinde die kaum spürbare Berührung seiner Hand als geradezu elektrisierend und bin froh, als er mich drinnen gleich wieder loslässt. Wir finden einen etwas abgeschiedenen Tisch am Ende der Theke und setzen uns.

„Warum hast du vor diesem Lokal gerade eben gelächelt?“, fragt er. „Leugnen gilt nicht. Ich habe es genau gesehen. Du hast das Lokal erkannt und dann gelächelt.“

„Ich leugne es ja gar nicht.“

„Also?“ Er kann offensichtlich sehr hartnäckig sein.

„Ich war letzten Herbst mal abends mit Ambra hier.“

„Das muss ein lustiger Abend gewesen sein.“ Sein Blick ist offen und freundlich, als er mein Gesicht mustert, als wäre dieser Abend wie ein Kinofilm darauf zu sehen.

„War er auch. Wir waren beschwipst, also, ich meine – ich war es ziemlich.“

Er schmunzelt. „Womit habt ihr euch denn so beschwipst?“

„Mit Mojitos.“ Ich muss unwillkürlich wieder grinsen bei der Erinnerung.

„Dann müssen auch jetzt welche her – unbedingt. Du lächelst viel zu selten!“

„Für mich bitte nicht!“, werfe ich eilig ein. „Heute einen alkoholfreien Cocktail, bitte.“

Er nimmt es mit einem Stirnrunzeln zur Kenntnis und wendet sich zum Kellner hinter dem Tresen. Ich bin froh, dass er in diesem Moment meine Verblüffung nicht erkennen kann. Er will mich lächeln sehen? Ich fasse mich glücklicherweise, noch ehe er sich wieder zu mir umdreht, und begegne seinem Blick scheinbar gelassen. Als dann endlich die Drinks vor uns stehen, gehört seine ganze Aufmerksamkeit wieder mir, wie ich unbehaglich feststellen muss.

„Also, wie war das nun. Warum willst du nicht für mich arbeiten?“

„Ich habe noch nicht endgültig abgesagt“, korrigiere ich ihn penibel. Aber vielleicht lasse ich mir ja auch nur ein Hintertürchen offen, für den unwahrscheinlichen Fall, dass …

„Du hast aber auch noch nicht akzeptiert“, gibt er zu bedenken. „Was lässt dich zögern? Wenn du weitere Fragen hast, immer heraus damit!“

„Ich habe noch wenig Erfahrung und möchte keine Zusage geben, die ich dann vielleicht nicht halten kann.“

„Irgendwann fängt jeder mal damit an, Erfahrungen zu sammeln. Es ist schließlich noch kein Meister vom Himmel gefallen, und für deine Freundin Ambra arbeitest du schließlich auch. Ich bin der Freund ihres Freundes. Also bin ich genau genommen auch dein Freund“, argumentiert er mit einem spitzbübischen Grinsen. „Ist das kein triftiger Grund für eine Zusammenarbeit?“

Ich bemerke, wie sich seine beiden markanten Lachfalten dabei noch vertiefen, doch sonderbarerweise macht ihn das keineswegs älter, im Gegenteil. Dieses Lächeln lässt sein Gesicht geradezu aufleuchten.

„Für Ambra arbeite ich, obwohl sie meine Freundin ist, nicht weil sie es ist“, kläre ich ihn dennoch nüchtern auf. „Freundschaftliche Beziehungen sind bei einer solchen Arbeit eher kontraproduktiv, sie hindern einen am sachlichen Umgang mit Kritik. Das geht selten gut und man riskiert, die Freundschaft dabei zu verlieren. Ich glaube außerdem, du solltest dir jemanden suchen, der deine früheren Arbeiten nicht so gut kennt wie ich und daher unvoreingenommen herangehen kann.“

Wie sehr das an den Haaren herbeigezogen klingt, kann ich selbst hören, aber eine bessere Ausrede will mir gerade nicht einfallen. Mantovani stutzt und wendet sich dann seinem Drink zu. Er legt den Strohhalm neben sein Glas, prostet mir zu und nimmt einen tiefen Schluck. Ich ziehe heftig an meinem Halm, als er mich nun sehr eindringlich ansieht und dabei sogar den Kopf ganz leicht schief hält. Schließlich setzt er sein Glas wieder ab und wischt mit einer sehr bedächtigen Bewegung über die Kondenswasserperlen.

„Du kennst meine Bücher wohl besser, als ich dachte?“, fragt er, doch es ist mehr eine Feststellung.

Ich zögere. „Ja“, sage ich dann. „Ziemlich gut.“ Dummerweise klingt meine Stimme belegt.

Sein Blick geht mir durch und durch. „Du wirst rot“, bemerkt er leise. „Waren sie denn wirklich so schlimm?“

Schlimm?

„Nein, das nicht gerade, aber … sie waren eher … also …“ Urplötzlich bricht mir der Schweiß aus.

„Anregend?“ Seine Augen lassen mich nicht mehr los, bleiben an meinen Lippen hängen, seine Stimme wird immer leiser. „Hast du meine Bücher anregend gefunden?“

Und jetzt? Sage ich Nein, dann beleidige ich ihn vielleicht, und es ist auch noch schlichtweg gelogen. Sage ich Ja, dann weiß er, dass er mich unweigerlich am Haken hat. Schöne Zwickmühle, in der ich da stecke!

„Mit Lektorat allein ist es ja nicht getan“, weiche ich aus. „Du solltest dir einen PR-Profi suchen. Du brauchst einen neuen Internetauftritt, einen Twitter-Account, ein Facebook-Profil, du brauchst außerdem eine Marketingstrategie – Schreiben allein reicht ja heute nicht mehr. Oder du suchst dir tatsächlich wieder einen Verlag! Die nehmen dich bestimmt mit Handkuss! Dann hast du auch gleich dein Lektorat, und bestimmt gibt’s da auch Frauen.“

„Wovor hat Carlotta solche Angst?“

„Hier geht es nicht um Ängste!“, widerspreche ich betont ruhig. „Ich treffe meine Entscheidungen nur gerne, ohne dass man mich dazu drängt.“

„Du hast recht“, lenkt er überraschend ein. „Ich bedränge dich, das ist sonst nicht meine Art.“

Ich werfe ihm einen schiefen Blick zu. „Warum tust du es dann bei mir?“

Er überlegt einen Moment. „Ich weiß von Ambra, dass du gut bist in deinem Job“, redet er dann bedächtig weiter. „Und wenn du nicht nur lektorieren, sondern auch noch den ganzen anderen Kram übernehmen möchtest, wäre mir das umso lieber. So, wie ich dich einschätze, gleichst du deine angeblich mangelnde Erfahrung mit Engagement und Enthusiasmus locker aus, das ist etwas, das man nicht unterbewerten sollte. Ich bin zwar leider seit einer Weile raus aus dem Geschäft, aber manche Dinge verlieren ihre Gültigkeit nie. Außerdem – ein ‚Nein‘ war für mich immer schon eine Herausforderung.“

Himmel hilf! Nicht nur, dass er keinen meiner Einwände gelten lässt – jetzt dreht er sie auch noch um und verwendet sie gegen mich!

„Hast du denn keinen Agenten?“ Puh – gut, dass mir das jetzt noch eingefallen ist. Trotzdem hilft es nichts. Seine Antwort macht meine kleine Ausflucht zunichte.

„Nein. Den hab ich auch in den Wind geschossen, ich war damals einfach zu enttäuscht von allem und jedem.“

Kann und will ich mich tatsächlich auf den wahren Damiano Mantovani einlassen? Kann ich arbeiten und Leistung bringen, wenn ich ihn echt und in Lebensgröße vor mir habe?

„Besteht denn nicht die geringste Chance, dass du es dir noch anders überlegst?“, fragt er mitten in meine Grübeleien hinein.

„Ich weiß nicht …“

Wie soll ich leben, atmen, essen und schlafen, wenn ich über längere Zeit hinweg persönlichen Kontakt zu ihm halten muss? Wie oft habe ich ihn in mein Bett gewünscht, ihn in mein Leben hinein fantasiert, mich an seine Seite geträumt? Und nun soll ich für ihn arbeiten? Mantovani ist ein Star. Na gut, er war einer, ehe er sich ins Privatleben zurückgezogen hat. Oder vielleicht war er auch kein Star, jedenfalls nicht so, wie man das normalerweise versteht, mit Millionen von kreischenden Fans. Aber er hatte einen Namen, ein Renommee, eine begeisterte Lesergemeinde. Er ist wer, auch heute noch. Und dieser anerkannte Schriftsteller will ausgerechnet mich als Lektorin? Er kann an jedem Finger zehn Literaturstudentinnen haben, die sich um den Job reißen würden, weil er im Lebenslauf was hermacht. Er kann gute und absolut professionelle, etablierte Lektoren haben, und er braucht tatsächlich dringend einen Agenten …

Ich sehe, wie er den Kopf senkt und in sein Glas starrt.

„Das ist wirklich schade.“ Er klingt leise, fast bedauernd, und sieht mich immer noch nicht an.

Dieses Aufgeben und Zurückstecken irritiert mich fast noch mehr als sein Drängen. Dagegen könnte ich ankämpfen, das stachelt meinen Trotz an, aber diesem enttäuschten Eindruck, den er jetzt gerade macht, habe ich nichts entgegenzusetzen. Ich fühle mich beinahe so, als hätte ich ihn bei etwas Wichtigem im Stich gelassen.

Verdammt noch mal. Das habe ich so sicher nicht geplant, aber ich kann nicht anders …

„Nur Lektorat“, höre ich mich sagen. „Und zwar dann, wenn du komplett fertig bist, vorher nicht. Zwei Durchgänge. Du schickst mir dein Skript per Mail, ich bearbeite es und schicke es dir zurück. Für alles andere solltest du dir wirklich lieber einen Profi suchen.“

Er sieht mich an, als sei ich gerade vom Mond gefallen.

„Das ist alles?“, fragt er beinahe zögerlich. „Ich wollte das gerne intensiver haben. So unpersönlich hatte ich mir das, ehrlich gesagt, nicht vorgestellt. Bekommen alle deine Kunden so wenig Beratung von dir?“

Ich zwinge mich dazu, cool die Schultern zu zucken. „Mehr kann ich nicht für dich tun. Ich bin weder für Werbung noch für Websites zuständig. Nur für den Text.“

„Ich dachte eher an ein begleitendes Lektorat, und nicht an so etwas Steriles, wie du mir da gerade anbietest. Per Mail!“ Er verzieht den Mund. „Ich fand gerade die Tatsache, dass du nicht so weit entfernt wohnst, so passend – wir könnten uns zu Besprechungen regelmäßig treffen, immerhin muss ich mich erst wieder in die Schreiberei hineinfinden.“

Also – dass ein Damiano Mantovani ein Kindermädchen braucht, weil er wieder anfängt, zu schreiben, glaube ich kaum. Sein Drängen nervt mich umso mehr, als ich weiß, dass er recht hat. Eine Zusammenarbeit, wie er sie sich wünscht, kann durchaus effektiver und auch fruchtbarer sein als das, was ich ihm vorgeschlagen habe. Aber erstens ist das eine ziemlich exklusive, zeitaufwendige Sache, und zweitens widerspricht es absolut meinen Vorstellungen. Einen Kompromiss wäre ich eingegangen, doch ich habe ihm den kleinen Finger gereicht und jetzt will er die ganze Hand. Ich kann nicht so für ihn arbeiten, wie er sich das vorstellt, ich will es gar nicht erst versuchen. Es war schon dumm genug von mir, ihm überhaupt entgegenzukommen, aber es wäre ein unverzeihlicher Fehler, auf seine Forderungen einzugehen. Er will mehr? Das soll er sich anderswo suchen.

„Vergiss es, das mache ich nicht“, erkläre ich entschieden. Ich ignoriere sein fassungsloses Gesicht und stehe auf. „Lassen wir das. Danke für dein Angebot und den Drink, aber ich muss jetzt gehen. Ciao.“ Ich will die Bar verlassen, doch Damianos Stimme hält mich zurück.

„Bitte, Carlotta, warte!“

Zögernd drehe ich mich wieder zu ihm um. Er hat in einer resignierten Geste beide Hände gehoben und sieht mich eindringlich an.

„Ist ja schon gut, ich habe verstanden. Ich komme mit, lass mich nur noch schnell zahlen, okay?“

Ich nicke ungnädig und warte, bis er das erledigt hat. Dann gehe ich ziemlich forsch voraus und werde erst wieder langsamer, als die Tür hinter uns zu fällt. Kühle Luft umfängt mich und ich straffe die Schultern.

„Was soll ich sagen“, murmelt Mantovani, als er zu mir aufgeschlossen hat. „Ich habe die Akquise wohl etwas übertrieben. – Wohin gehen wir jetzt?“

Wir?

„Ich gehe zurück ins ‚Stella‘ und verabschiede mich von Ambra. Was du vorhast, weiß ich nicht.“

„Autsch!“ Er wirft mir einen halb schuldbewussten, halb amüsierten Blick zu. „Das war deutlich.“

„Anders verstehst du es ja offensichtlich nicht.“

„Ist ja schon gut! Ich habe es übertrieben, aber – können wir trotzdem wieder Frieden schließen?“

Misstrauisch sehe ich ihn an. „Wenn du das ernst meinst und nicht mehr weiter bohrst, dann schon“, lenke ich ein.

Er nickt, offensichtlich erleichtert. „Gut, ich sage nichts mehr. Ist das okay?“

Das ist es, und ich laufe friedlich neben ihm her, bis wir wieder an Raffaeles Lokal angekommen sind. Die meisten Gäste sind schon weg, und Ambra und Raffaele machen sich gerade fertig, zu gehen.

„Hey, ihr zwei!“ Meine Freundin greift nach ihrer Handtasche und sieht mich überrascht an. „Schon wieder da?“

Ich ziehe es vor, keine Antwort zu geben und Damiano macht ein betretenes Gesicht.

„Ich habe leider auf Granit gebissen“, gibt er zu. „Carlotta ist sehr hartnäckig, und sie hat abgelehnt.“

„Im Ernst?“ Ambra sieht mich an, als könne sie es nicht glauben.

„Im Ernst“, bestätige ich ihr. „Das kann nicht klappen, deshalb lasse ich es besser sein.“

„Bist du sicher?“

Ich zucke die Schultern und antworte nicht. Bin ich das?

„Wollen wir irgendwo noch etwas trinken gehen?“, fragt Raffaele dazwischen, der den kurzen Wortwechsel zwischen mir und Ambra nicht mitbekommen hat.

„Also – ich bin dabei.“ Mantovani sieht mich mit stummer Aufforderung im Blick an.

„Ich passe.“ Meine ursprüngliche Planung sah vor, nach dem gemeinsamen Abendessen mit Ambra wieder nach Hause zu fahren, und genau das werde ich jetzt tun, egal, ob Damiano Mantovani mich mit hochgezogenen Brauen mustert oder nicht.

„Willst du wirklich nicht noch bleiben? Du kannst jederzeit bei uns übernachten, stimmt’s, Raffaele?“ Ambra macht einen letzten Versuch, doch als ich trotz Raffaeles zustimmenden Nickens hartnäckig bleibe, gibt sie nach. Sie kennt mich gut genug. „Also schön, wenn du meinst. Aber weißt du was? Komm doch einfach nächstes Wochenende wieder! Und dann stellst du dich gleich darauf ein, hier zu übernachten, okay?“

Lachend gehe ich so halb und halb auf ihren Vorschlag ein. Wer weiß, was bis nächste Woche alles passiert! Ich küsse sie und Raffaele zum Abschied auf beide Wangen und strecke Mantovani die Hand entgegen.

Er ignoriert sie. „Ich bringe dich“, sagt er knapp.

„Nicht nötig“, wiegle ich ab, doch er lässt sich nicht abwimmeln.

„Wo steht dein Auto?“, fragt er mich, als wir aus dem Lokal auf den Bürgersteig treten.

„Hier – direkt vor der Tür.“ Ich muss mir ein Grinsen verbeißen, als mir seine Miene auffällt: Irgendwas zwischen verblüfft und enttäuscht. Dennoch begleitet er mich konsequent die zehn Meter bis zu meiner kleinen Karre.

„Bist du wirklich sicher, dass du noch fahren kannst?“

„Ich habe nur ein bisschen Wein getrunken beim Abendessen“, erinnere ich ihn. „Alles Andere war alkoholfrei.“

„Ja, das schon“, gibt er zu. „Aber bist du denn nicht müde?“

„Nicht besonders. Und nachts Auto zu fahren macht mir nichts aus.“

„Na schön“, meint er, klingt aber nicht besonders überzeugt. „Aber warum hast du es überhaupt so verdammt eilig?“

„Ich wollte sowieso nur auf ein Abendessen mit Ambra herkommen. Dass es um dich und deine Arbeit gehen würde, davon hatte ich keine Ahnung.“

„Nein?“ Es klingt ehrlich überrascht.

„Nein, wirklich nicht. Ambra hat mir nichts davon gesagt. Sie wusste, ich würde sonst vielleicht gar nicht kommen.“

Diese Wahrheit klingt im Nachhinein sehr brutal. Und tatsächlich – Damiano antwortet nicht gleich. Als er es dann doch tut, hört er sich sehr betroffen an.

„Hör mal, Carlotta, das – tut mir wirklich aufrichtig leid. Ich wusste ja nicht, dass du mir so ablehnend gegenüberstehst! Wenn ich das geahnt hätte, dann wäre ich niemals so aufdringlich gewesen und …“

„Nein! Nein, das ist es nicht“, unterbreche ich ihn. Ich will ihm zwar nicht die Wahrheit sagen, aber so kann ich das nun auch nicht stehen lassen. Auf keinen Fall. „Ich lehne dich nicht ab.“

„Nun ja, wie auch immer.“ Er macht eine unschlüssige Drehung in Richtung Straße und fährt sich mit einer nervösen Handbewegung durchs Haar. „Entschuldige, wenn ich dir mit dem Lektorat auf die Nerven gegangen bin.“

„Kein Problem“, widerspreche ich ihm heiser. „Ich kann mich schon wehren, wenn ich etwas wirklich nicht machen will.“

„Ja, gut so!“ Er lacht nervös auf.

Es wird Zeit. Ich schließe das Auto auf und werfe meine Handtasche auf den Beifahrersitz. Dann drehe ich mich mit einer entschlossenen Bewegung zu ihm um und strecke ihm zum zweiten Mal innerhalb weniger Minuten die Hand zum Abschied entgegen.

„Also dann – danke für den netten Abend. Hat mich gefreut, dich kennen zu lernen“, sage ich etwas forscher als nötig.

Zu meiner Erleichterung ergreift Damiano meine Hand, schüttelt sie und schaut mir dabei nur tief in die Augen.

„Ja, dann – gern geschehen“, meint er. „Komm gut nach Hause, und vielleicht treffen wir uns ja mal wieder.“

„Ja. Vielleicht.“ Mehr fällt mir im Moment dazu nicht ein. Einen Moment lang sieht er so aus, als wollte er noch etwas sagen, aber er tut es dann doch nicht.

Stattdessen lässt er meine Hand los und tritt einen Schritt zurück. Ich steige ein, schließe die Tür, winke ihm noch einmal zu und lasse den Wagen an. Dann fahre ich nach Hause ...

 

 

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