Lesehäppchen

 

Aus "SeesternLiebe - Adria und Amore"

 An diesem Abend war Giorgia auf ihrem Heimweg sehr unkonzentriert. Ihre Gedanken wirbelten im Kreis.

 

Was zum Teufel hatte sie sich nur dabei gedacht? Sie spielte wissentlich mit dem Feuer und würde sich höchstwahrscheinlich nicht nur die Fingerspitzen daran verbrennen, wenn sie nicht sofort damit aufhörte.

Da war diese kribbelnde Unruhe seit Freitagabend – seit diesem verdammten Tanz, auf den sie sich mit diesem Typen eingelassen hatte …

Dabei hatte sie ja nicht einmal alleine ausgehen wollen, damit fing es schon mal an. Das tat sie nie, außer sie war mit ihrer Tanzgruppe unterwegs.

Aber dann hatte Natale sie dazu überredet. Sie sitze ja sowieso immer nur alleine zu Hause, anstatt sich zu amüsieren, hatte er ihr vorgehalten. Es seien die inzwischen schon gut etablierten so genannten Weißen Nächte an den Stränden der Adria, da sei jede Menge los und sie könne sicher sein, dass sie sich da nicht langweilen würde, hatte er gemeint.

Nun ja, sie tat ihm den Gefallen – eher um sein schlechtes Gewissen zu beruhigen als zu ihrem eigenen Vergnügen. Natale konnte nach all dieser gemeinsamen Zeit noch immer nicht ganz fassen, dass sie sich allein zu Hause mit einem guten Buch meist weniger langweilte als in schlechter Gesellschaft. Dieser Gedanke war ihm einfach zu fremd. Da sie ihm aber besonders in letzter Zeit schon oft genug widersprochen hatte, schien es ihr nur fair, ihm seinen Willen zu lassen.

Und dann musste ausgerechnet das passieren!

Es hätte ja schon gereicht, die tatschenden Hände eines allzu aufdringlichen Verehrers überall auf ihrem Körper vergessen zu müssen. Diese Episode war unangenehm genug gewesen, war für sich allein genommen noch gar nicht mal so schlimm. Aber der Rest! Und hatte sie ihm wirklich unbedingt sagen müssen, er ähnele diesem Schauspieler? Er musste sie für ziemlich dämlich halten. Was ihr ja eigentlich total egal sein konnte – nur leider war es das nicht.

Es war nicht daran zu rütteln: er gefiel ihr. Sehr sogar. Er hatte ihr vom ersten Moment an gefallen, als er sie aus dieser unangenehmen Situation befreit und so getan hatte, als wären sie zusammen. Es hatte ihr nicht das Geringste ausgemacht, sich dieser Vorstellung anzupassen und so zu tun als ob, und das ging dann sogar so weit, ihn zu Carlos Santana alles andere als freundschaftlich zu küssen. Denn, um der Wahrheit die Ehre zu geben, sie hatte ihn geküsst, nicht umgekehrt. Ihm war nicht der geringste Vorwurf zu machen, er hatte sich völlig korrekt verhalten, hatte ihr geholfen und ihr einen Drink spendiert. Sie war diejenige gewesen, die aus der Rolle fiel. Oder besser gesagt, eigentlich nicht. Sie hatte die Rolle seiner Freundin eher viel zu gut gespielt!

Er hatte vorhin gesagt, etwas habe angefangen – leider hatte er Recht. Sie belog sich tatsächlich. Sie hatte viel zu heftig auf ihn und ihren Körperkontakt reagiert, um das noch als ›nichts‹ bezeichnen zu können! Unanständig heftig. Das war nicht wegzuleugnen und es war ihr alles andere als geheuer.

Das elektrische Tor zu ihrem Zuhause öffnete sich lautlos. Giorgia fuhr in den Hof, stellte das Auto ab und suchte den Schlüssel aus ihrer Sporttasche. Vor der Haustür blieb sie noch einen Augenblick stehen und atmete tief ein.

Sie war aufgewühlt. Ihr Mann würde es spüren, das wusste sie. Und obwohl sie genauso gut wusste, dass es unnötig war, fühlte sie sich sehr, sehr unbehaglich.

Sie trat ein, stellte die Tasche mit ihren verschwitzten Sportsachen neben der Tür zur Waschküche ab und betrat leise das Wohnzimmer. Wie sie vermutet hatte, schlief er noch nicht, sondern saß am Fenster und wartete auf sie.

»Guten Abend, Liebes. Du kommst spät heute.«

»Ich weiß. Entschuldige.« Sie ging auf ihn zu und küsste ihn auf die Wange.

»Hat es dir gefallen?«

»Ja. Es war sehr unterhaltsam.«

»Setzt du dich noch auf ein Glas zu mir?«

»Ich bin ziemlich müde, Natale.«

»Ich weiß«, nickte er. »Ich kann es dir ansehen. Trink einen Schluck Wein mit mir, dann kannst du anschließend besser schlafen.«

Giorgia gab nach und setzte sich ihm gegenüber in einen Sessel, ließ sich ein Glas Rotwein einschenken und nahm es entgegen.

»Zum Wohl.«

»Cin

Sie schwiegen beide eine Weile und Giorgia fragte sich bereits, was ihr Mann wohl mit ihr zu besprechen haben mochte, da ergriff er schließlich das Wort.

»Ich wollte dir etwas sagen, aber ich glaube beinahe – es erübrigt sich.«

Sie sah überrascht auf. »Wie meinst du das?«

»Du hast jemanden kennengelernt.«

Es war keine Frage. Es war eine simple Feststellung. Giorgia spürte, wie ihr die Hitze ins Gesicht schoss. Sie senkte den Kopf.

»Es ist nichts«, wehrte sie heiser ab.

»Liebes, ich kenne dich inzwischen gut genug um zu wissen, dass ich Recht habe. Also?«

»Ja«, gab sie widerstrebend zu. »Ich habe jemanden kennengelernt. Vorgestern Abend. Er ist heute überraschend bei Claudio aufgetaucht.«

»Überraschend?«

»Für mich schon, ja. Er hat behauptet, er hätte mich gesucht.«

»Gefällt er dir?«

Sie schwieg.

Natale seufzte.

»Giorgia, du weißt, wie ich dazu stehe, oder?«

Sie nickte, sagte aber nichts darauf.

»Warum machst du es uns beiden dann so schwer?« Er klang weniger vorwurfsvoll als ermahnend.

Sie starrte weiterhin verlegen in ihr Glas. Dann gab sie sich einen Ruck. »Es ist nicht so einfach, wie du vielleicht denkst.«

»Das war uns beiden von Anfang an klar, oder nicht?«

»Ja, das schon, aber ...«

»Und wir haben diesbezüglich etwas vereinbart – du erinnerst dich hoffentlich?«

»Ja, Natale. Ich erinnere mich.« Endlich sah sie auf und begegnete seinem Blick. »Für mich ist es aber trotzdem nicht so einfach. Kannst du das denn nicht verstehen?«

»Doch, ich verstehe dich schon, Giorgia. Aber es gilt trotzdem, ob es nun einfach ist für dich oder nicht. Das war eine der Bedingungen, die ich dir bei der Hochzeit gestellt hatte und ich möchte nach wie vor, dass du dich daran hältst. Und du weißt auch, warum ich das möchte.«

»Ja, ich weiß.« Giorgia klang deprimiert. »Und ich glaube nach wie vor, dass du den Teufel an die Wand malst!«

»Du kennst ihn nicht. Mit ihm ist nicht zu spaßen. Wenn es hart auf hart kommt, wirst du dringend einen Verbündeten brauchen! Also, verdammt noch mal, such dir endlich einen! Ich habe nicht ewig Zeit!«

»Wieso sagst du das?«, begehrte sie heftig auf.

»Weil es die Wahrheit ist, Mädchen. Und das weißt du ebenso gut wie ich.«

Er nahm einen tiefen Schluck.

»Du solltest nicht so viel trinken!«, mahnte sie.

»Herrgott im Himmel, das weiß ich doch selbst«, entgegnete er ungehalten. »Aber das ändert jetzt auch nichts mehr, also lass mir das Vergnügen.«

»Na schön!« Giorgia zuckte die Achseln. »Wie du meinst.«

»Bezieht sich dein Zugeständnis auf den Rotwein oder auf deinen neuen Bekannten?«

Sie holte tief Luft.

»Auf beides«, sagte sie dann resigniert.

»Das freut mich zu hören.« Nun grinste er beinahe zufrieden. »Du solltest Ferien machen! Reicht dir für den Anfang eine Woche?«

 

 

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