Lesehäppchen

 

Aus "Mehr als Worte"

 

»Wir hatten hier gerade einen kleinen Wettstreit über die weiteste Fernreise im letzten Jahr, und ich glaube, du hast gute Chancen auf den ersten Platz, Carlotta«, feixte Federico.

 »Ja? Also ich war in Südafrika«, ließ einer von Blondies beiden Freunden wissen – an seinen Namen erinnerte sie sich gerade nicht mehr.«

 »Dann hast du schon gewonnen«, winkte Carlotta ab. »Ich war nur in Äthiopien. Ist gar nicht so weit, das waren nur etwa fünf Stunden Flug. Aber es war schön dort. Und der Wein war fast so gut wie der südafrikanische.«

 »Dort gibt es Wein?«

 »Klar, Dennis! Und der ist wirklich gut«, mischte sich Lex ein. »Stimmt doch, oder, Carlotta?«

 Sie nickte. »Wir haben sogar eine Weinprobe gemacht. Nette Sache als Ausgleich zu meinem Reinfall mit dem Whisky.«

»Whisky? Wer trinkt in Äthiopien schon Whisky?« Dennis schüttelte ungläubig den Kopf.

»Ja, eben«, gab ihm Carlotta recht. »Das war im wahrsten Sinne des Wortes eine Schnapsidee.«

»Und wie kommt man auf solche Schnapsideen?«, erkundigte sich Lex.

»Lange Geschichte«, winkte sie ab.

»Wir haben Zeit.« Federico ließ nicht locker. »Das wollen wir jetzt hören.«

»Na schön – wenn ihr meint. Also ... wir waren ja, von mir selbst mal abgesehen, eine sehr reiseerfahrene Gruppe. Viele von denen, die dabei waren, sind schon oft zusammen unterwegs gewesen, und mehrfach auch in Schottland. Daher kennen sie sich recht gut mit Whisky aus, haben verschiedene Destillerien besucht und auch welchen dabei gehabt.«

»Sie haben schottischen Whisky auf die Reise nach Afrika mitgenommen?«, fragte Dennis ungläubig.

»Genau, und der wurde abends ausgeschenkt und reihum getrunken.«

»Und du?«

Sie grinste. »Und ich habe begeistert mitgetrunken – gar nicht so wenig übrigens. Danach wollte ich natürlich nicht hintanstehen und nur die Sachen der anderen trinken.«

»Verstehe ich gut«, warf Lex ein.

Federico hingegen hörte nur schweigend zu, ließ aber kein Auge von Carlotta, deren gerötete Wangen bereits auf etwas Ähnliches wie Whiskygenuss schließen ließen.

»Eben. Also habe ich etwas sehr Kluges gemacht – zumindest hielt ich es dafür …“ Sie grinste. „Ich habe unseren einheimischen Fremdenführer gebeten, mir in der nächsten größeren Stadt eine gute Flasche Whisky zu besorgen.«

»Guten Whisky – in Afrika?« Stefano, der Dritte im Bunde um Lex und Dennis, konnte nur den Kopf schütteln.

»Ist gar nicht so abwegig«, warf Federico nun doch ein. »Zur Kolonialzeit war das ein probates Mittel gegen Malaria, als es noch keine dieser ganzen Impfungen und Prophylaxen gab.«

Carlotta warf ihm einen schnellen, dankbaren Blick zu und erzählte weiter. »Schön, also die nächste größere Stadt war Aksum, und tatsächlich kam Taye eines Abends mit einer bunt gestreiften Plastiktüte an und da war ein schwarzer Karton drin.«

»Ach, ich weiß!«, lachte Dennis. »Der Herr in Frack und Zylinder!«

»Genau«, feixte Carlotta. »Black Label, also ein ganz besonders feiner Tropfen. Na ja, langer Rede kurzer Sinn, wir setzen uns also alle auf die Hotelterrasse nach dem Abendessen und machen es uns gemütlich, die Flasche wird geöffnet und macht die Runde und jeder schenkt sich ein und dann der Moment gespannter Erwartung.« Sie machte eine Kunstpause und sah in die Runde. »Ich hatte mir Wunder was erhofft und ... was soll ich euch sagen ... mein toller Whisky schmeckte nach Pflaumenwein. Und Banane war auch irgendwie mit drin. Jedenfalls war das kein Whisky.«

»Wie jetzt?«, erkundigte sich Lex nach einer Schrecksekunde mit ratlosem Gesicht. »Und was war das dann?«

»Ich hab genauso dreingeschaut wie du in dem Moment, glaub mir! Meine Freundin Porzia hat mich dann aufgeklärt, weil ich ja von alledem keine Ahnung hatte: Die Flasche war ein Fake.«

»Das gibt’s tatsächlich?«, vergewisserte sich Stefano.

»Wie man sieht. Das kommt eben davon, wenn man ganz schlau sein will und in Afrika Scotch kauft.«

»Kaufen lässt«, berichtigte Federico lächelnd.

»Ja. Aber man sah das der Schachtel von außen nicht an. Auch der Flasche nicht. Alles täuschend echt.« Sie hob vielsagend die Brauen. »Der Preis natürlich auch. Ihr hättet mal mein Gesicht sehen sollen. Wäre bestimmt ein Foto wert gewesen.«

Allgemeines Gelächter war die Antwort, als sie eine Grimasse zog und danach auch noch die Reaktionen ihrer Mitreisenden schilderte.

 »Aber eines ist klar«, meinte Stefano, als das Gelächter und Geplapper rundherum sich etwas beruhigt hatte. »Wäre die Flasche echt gewesen, hätten wir heute Abend hier nichts zu lachen gehabt.«

»Willst du damit behaupten, wir wären eine lahme Trauergemeinde gewesen?« Federico tat übertrieben pikiert. »Lex, hör mal, den Jungen brauchst du mir gar nicht mehr mitzubringen, der weiß gepflegten Ernst leider nicht zu schätzen.« Den letzten Satz brachte er in einem so komischen, süßlichen Singsang hervor, dass alle, die es gehört hatten, sich vor Lachen bogen ...

 

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