Lesehäppchen

 

Aus "Küss den Koch - Adria und Amore"

 

 

 

 

 

 

 

 

Ich mache es mir auf der Couch bequem und beginne damit, die ersten Mosaiksteinchen zusammenzusuchen. Dazu schalte ich mein Netbook ein und surfe ein wenig herum – tadaa!

Google spuckt tatsächlich ein paar Informationen über Raffaele Cavalieri aus, allerdings sind diese eher spärlich und sagen nicht allzu viel. Nach seiner Tätigkeit in Alessandros Nobelhotel hat er im Ausland einige Preise und Medaillen abgesahnt, einen Michelin-Stern abgelehnt – ich schaue genauer hin, aber ich habe tatsächlich richtig gelesen: abgelehnt! – und offensichtlich seit seiner Rückkehr der regionalen, bodenständigen Küche zu neuem Glanz verholfen. Dafür hat er die Ehrenbürgerwürde eines sehr exklusiven Küstenortes bekommen. ›Marina Caleri‹ – na das ist ja ein Ding! Dort sollen seit ein paar Jahren besonders gerne Leute verkehren, die außer jeder Menge Geld auch noch Understatement haben und nicht sofort alles zeigen wollen, was sie besitzen.

Zurück zu meinem Rechercheobjekt. Ich finde ein Foto und klicke es an, um es zu vergrößern.

Hm. Ich muss zugeben, er ist ein markanter Typ.

Dunkle Augen und Haare, Dreitagebart. Er sieht sehr ernst drein, fast abweisend. Ein Artikel der Boulevardpresse weist ihn als Womanizer aus, den man nie zweimal hintereinander mit derselben Dame ausgehen sieht. Wenn er denn bei seiner äußerst knapp bemessenen Freizeit überhaupt einmal irgendwo außerhalb seines Restaurants gesehen wird, heißt es.

Ich finde noch ein Foto. Wieder macht er ein finsteres Gesicht und schaut abweisend in die Kamera. Einen Moment lang habe ich den Eindruck, er würde mir direkt in die Augen sehen und mich warnen, ihn lieber in Ruhe zu lassen.

Ich schlucke unwillkürlich.

Ein merkwürdiger Typ!

Wie sagte Lara noch vorhin am Telefon?

Stör dich nicht an seinen Launen, oder so ähnlich. Ja, bei näherem Hinsehen hat er wirklich etwas von einem Finsterling. Aber schließlich bin ich nach meinem letzten Reinfall in Sachen Männer ja auch nicht gerade glänzend drauf – passt also.

Schön ist, dass ich vor Ort recherchieren kann und außerdem auch noch das Vergnügen habe, ein paar Tagen an der Adria zu genießen – in der beginnenden Nachsaison, wenn der größte Trubel bereits abgeflaut sein dürfte. Wegen der Unterkunft melde ich mich in Eldas B&B und buche für sechs Tage, das sollte genügen. Elda, falls sie es selbst ist, bestätigt mir auf Anfrage, dass ich jetzt, gegen Ende des Sommers, problemlos verlängern kann, wenn ich möchte.

Dann mache ich mich ans Kofferpacken.

Da ich weder Haustiere noch Zimmerpflanzen besitze, brauche ich mich um einen Homesitter nicht zu kümmern.

Das ist das Gute am einsamen Wohnen.

Über das weniger Gute brauchen wir uns hier nicht zu unterhalten …

Zurück zum Koffer.

Was zum Teufel soll ich bloß mitnehmen?

Anfang September kann das Wetter einiges an Überraschungen bereithalten – oder auch nicht, das ist echt unvorhersehbar. Mit einem Schulterzucken entscheide ich mich für einen bunten Mix. Schließlich ist der Trolley voll, und ich packe meine Schuhe und die Kosmetiksachen in eine kleine Reisetasche. Gut, dass ich mein Auto habe, und nicht mit dem Zug fahren muss. Beim Packen bin ich reichlich chaotisch und habe immer viel zu viel dabei! Irgendwann bin ich dann endlich fertig damit und kann mich noch mit einem Glas Wein auf den Balkon setzen.

Die Wegbeschreibung zu der Frühstückspension habe ich mir ausgedruckt, ebenso eine Straßenkarte zu Cavalieris Lokal. Dann lege ich mich endlich schlafen. Ich will ja schließlich morgen wenigstens einigermaßen ausgeruht und fit an meinem Bestimmungsort ankommen.

 

Der nächste Tag begrüßt mich mit Morgennebel.

Nach einer verkehrsreichen Fahrt parke ich anderthalb Stunden später das Auto vor meiner Pension und checke ein. Das Haus ist alt, gediegen und sehr reizvoll. Signora Elda, die Pensionswirtin, ist eine süße, weißhaarige Dame, die hinter ihrem Empfangstresen sitzt und häkelt.

Ich bringe meine Sachen aufs Zimmer, nehme mir allerdings nicht mehr die Zeit zum Ausräumen. Ich habe länger gebraucht, als ich dachte, und will nicht schon ausgerechnet am ersten Tag zu spät kommen. Also mache ich mich ohne weitere Ablenkung zu Fuß auf den Weg ins Restaurant. Vor der Eingangstür bleibe ich kurz stehen und betrachte mit kritisch zusammengekniffenen Augen das Gebäude. Schon auf den ersten Blick strahlt das ›Stella di Mare‹ etwas aus, das ich nicht besonders mag: Arroganz und Überheblichkeit. Natürlich liegt das Lokal direkt am Strand und natürlich ist es ein hypermodernes Gebäude, schneeweiß gestrichen, mit blitzenden Edelstahlgeländern und spiegelnden Glasflächen. Gemütlich ist für mich definitiv anders, aber ich muss mich hier weder wohlfühlen noch den Geschmack des Besitzers teilen, tröste ich mich.

Ich straffe entschlossen die Schultern und will gerade das Lokal betreten, als die Tür von innen aufgerissen wird und ich noch auf dem Bürgersteig mit einer herausstürmenden Gestalt zusammenpralle. Meine Handtasche geht dabei zu Boden.

»Uff – geht’s noch?«, platze ich höchst ungehalten heraus. »Kannst du denn nicht aufpassen?«

Ich bücke mich gereizt nach meiner Handtasche und kratze dabei versehentlich eine Hand, deren Besitzer dieselbe Idee im selben Moment hatte wie ich.

Die Hand zuckt zurück, ist aber trotzdem schneller als ich und hebt meine Handtasche auf.

»Danke«, murmle ich schon etwas versöhnlicher und richte mich auf. Und sehe geradewegs in zwei dunkle, tief liegende Augen mit finster gerunzelten Brauen darüber. Der Mann, der zu diesen Augen und dem finsteren Blick gehört, mustert mich wortlos und hält mir die Tasche entgegen. Ich nehme sie ihm ab und starre ebenso unverhohlen zurück.

Das ist er also!

Ich habe Raffaele Cavalieri sofort erkannt – dank der Fotos, die ich am Vorabend noch gegoogelt habe, und dank der unverkennbar grimmigen Miene, die er auch im wirklichen Leben zur Schau trägt. Und – wie peinlich! – ich habe ihn einfach geduzt wie einen alten Bekannten.

»Sie sollten vielleicht ihre Tür entspiegeln lassen, damit man von draußen sieht, was da auf einen zukommt«, schlage ich mit einem Schulterzucken und nun auch in der gebotenen Form vor. »Ich konnte Sie überhaupt nicht erkennen.«

Mist! Warum nur bekommt der arrogante Typ den Mund nicht auf, sondern starrt mich immer noch einfach nur an?

»Ich bin Ambra Maestri. Alessandro Ronaldini hat den Kontakt zu Ihnen hergestellt, ich recherchiere für ein Buch …«, versuche ich es mal sachlich und strecke ihm die Hand entgegen. Innerlich bebe ich vor Ärger. Was bildet sich dieser aufgeblasene Kerl eigentlich ein, mich hier dermaßen auflaufen zu lassen?

Er starrt einen Moment lang meine Hand an, dann hebt sich sein Blick wieder zu meinem Gesicht. Er rührt keinen Finger, und ich ziehe demonstrativ langsam meine Hand wieder zurück.

Launisch? Der Typ ist provozierend ungezogen!

»Ist Ihnen Ihre gute Kinderstube im Ofen verbrannt oder haben Sie Angst, sich von mir Flöhe zu holen?«, ätze ich, ohne an die Stimmung der folgenden Tage zu denken.

»Wir können ruhig beim ›du‹ bleiben, so wie gerade eben«, meint er nun aufreizend gelassen. »Ich bin Raffaele.«

Mir stockt unwillkürlich der Atem. Diese Stimme!

 

Kein Foto dieser Welt hat mich darauf vorbereitet, dass dieses Ekelpaket eine Stimme wie Samt und Seide hat. Eine Stimme, die ich geradezu wie eine Liebkosung empfinde, die in mir das Bedürfnis weckt, die Augen zu schließen und mich für den Rest dieses Tages zurückzulehnen und einfach nur noch zuzuhören. Und selbst wenn dieser Kerl die Steuergesetze herunterlesen würde, dann würde mir auch das noch eine Gänsehaut bescheren, wird mir in diesem Moment bewusst, und ich klappe meinen Mund wieder zu.

 

 

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