Lesehäppchen

 

Aus "Die Geliebte des Patriziers - Im Sturm der Gefühle"

 

 

 

 »Seht mich an. Jetzt!«

 

Seine wütend hervorgestoßenen Worte donnerten mit den Naturkräften draußen um die Wette und Milanna zuckte unwillkürlich zusammen, doch sie verweigerte ihm den Gehorsam. Ihre Angriffslust – die sie selbst am meisten überrascht hatte – war verpufft wie ein Strohfeuer. Nie hätte sie geglaubt, den Mut aufzubringen und sich gegen Cornero zu stellen – zumal das absolut töricht gewesen war. Cemil konnte sich sehr gut selbst helfen, ja es musste seinen männlichen Stolz zutiefst treffen, wenn eine lächerlich schwache, kleine Frau ihm zur Unterstützung eilen wollte. Was hatte sie sich nur dabei gedacht?

Die Wahrheit lautete, sie hatte sich gar nichts gedacht. Sie war einfach losgestürmt, als sie den Lärm vor ihrer Tür vernommen hatte. Nicht einmal die nassen Kleider hatte sie gewechselt, dazu war keine Zeit gewesen. Nun fror sie erbärmlich, da der scharfe Wind im Vergleich zu vorhin zwar nachgelassen hatte, aber immer noch empfindlich kühl durch die Bögen des Laubenganges fegte.

Die Nähe des Korsaren schockierte sie und nahm ihr buchstäblich die Luft zum Atmen. Wenn er sprach – es war entsetzlich, diese Laute zu hören. Wie konnte eine Frau dergleichen nur ertragen? In ihrem Bett!

Milanna schauderte.

»Lasst mich gehen«, war erneut das Einzige, was sie hervorbringen konnte. Er stand vor ihr wie ein Bergmassiv, unverrückbar und bedrohlich. Hitze ging von ihm aus wie von einem Feuer. Und ein herbes, männliches Parfüm, das sich mit seinem eigenen Duft mischte und sie an etwas erinnerte, das sie nicht greifen konnte.

»Ich tue Euch nichts, Madonna – aber wir müssen uns dringend unterhalten, wie es mit Euch hier weitergehen soll.«

Bitterkeit keimte in ihr auf, die die heranrollende Panik verdrängte. »Wie soll es schon weitergehen?«, stieß sie hervor. »Lasst mich frei oder tötet mich, ganz wie es Euch beliebt.«

Ihre Worte verhallten ohne Antwort. Sogar der Regen hatte aufgehört, als wolle er das Schweigen, das urplötzlich zwischen ihnen herrschte, noch unterstreichen. Milanna konnte den Korsaren atmen hören – schnell und heftig, als habe er den Kampf hinter sich, den sie unterbrochen hatte. Als es ihr selbst bewusst wurde, sah sie auf und begegnete seinem Blick. Er war ihr so nah wie noch nie, seit er sie aus dem Badistan getragen hatte. Nun, als sie seine Statur von Nahem sah, war ihr klar, dass er es durchaus selbst gewesen sein konnte, der sie fortgebracht hatte. Einem Mann wie ihm musste es ein Leichtes sein, sie wie eine Feder hochzuheben.

Die Maske war direkt vor ihr, sie hätte sie berühren können, hätte sie den Mut besessen, die Hand zu heben und mit ihren Fingern darüber zu streichen. Schwarzer Bart bedeckte Wangen und Kinn, darüber lag das Leder, das sein Gesicht einschließlich der Nase vollständig verbarg.

Hinter den Sehschlitzen der Maske funkelten Augen, deren Farbe sie in dem düsteren Zwielicht des sinkenden Gewittertages nicht erkennen konnte. Sie konnte nur mit Sicherheit sagen, dass er sie unverwandt fixierte.

Sie schreckte zusammen, als er zu sprechen anfing, so sehr hatte sie sich in ihren Betrachtungen verloren.

»Zwischen Freiheit und Tod liegt noch so viel anderes«, ließ er sie rau wissen.

Er kam näher, und eine Gänsehaut kroch über Milannas Arme und Rücken. Noch berührte er sie nicht, aber es hätte nur noch eine Handspanne zwischen ihre Körper gepasst. Sie spürte, wie Beklemmung mit eisigen Händen nach ihr griff. Für einen Augenblick hatte sie vergessen, dass sie fror, hatte vergessen, ihn zu fürchten, doch jetzt kehrte mit einem Schlag alles wieder, was ihren Widerstand geschürt hatte.

»Wenn Ihr mich nicht töten wollt, dann lasst mich frei«, presste sie mühsam hervor. Ihr Atem ging beinahe so schnell wie seiner.

»Oh nein«, widersprach er und seine Stimme sank zu einem grollenden Flüstern. »Ich will weder das eine noch das andere.«

»Was wollt Ihr dann?«, keuchte sie. Noch immer starrte sie wie hypnotisiert in die dunklen Augen, die sie durch die Schlitze der Maske hindurch fesselten.

»Euch will ich«, hörte sie ihn murmeln, und plötzlich strichen seine Fingerspitzen sachte über ihre Wange.

»Nein!« Ihr heiseres Flüstern klang schrill in ihren eigenen Ohren. Zugleich nahm sie alles, was sie an Mut und Kraft noch besaß, zusammen und stieß ihn mit beiden Händen von sich weg. »Niemals! Nie, hört Ihr? Ihr seid ein Verbrecher, ein Scheusal, Ihr seid der Teufel! Ich ekle mich vor Euch, ich hasse Euch!«

 

 

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