Lesehäppchen

Aus "Der geerbte Mann"

 

»Sag mal«, forsche ich unterwegs, als wir in Bennys kleinem Alfa sitzen, »ist das nicht etwas unpassend, so schnell nach der Beerdigung? Sie war immerhin meine Großmutter.«

Sie wirft mir einen forschenden Blick zu. »Darüber machst du dir Sorgen?«

Ich zucke die Schultern. »Na ja.« Nicht wirklich. Das wäre scheinheilig.

»Lass gut sein. Niemand erwartet hier von dir, dass du in grenzenlose Trauer verfällst und dich zu Hause verkriechst, glaub mir. Auch nicht, dass du schwarz trägst«, fügt sie noch mit einem Seitenblick auf meine Hose hinzu.

»Ich habe nichts anderes dabei außer schwarze Sachen und ein Paar Jeans«, informiere ich sie. »Irgendwie habe ich so chaotisch gepackt wie noch selten zuvor.«

Sie lacht. »Das kommt vor. Dann kannst du ja morgen auf dem Wochenmarkt gleich mal schauen, ob du was Leichteres findest. Es soll wieder sehr warm werden in den nächsten Tagen.«

»Mhm«, stimme ich zu, noch immer nicht ganz begeistert von dem Gedanken, aber ich werde es nicht vermeiden können. »Du, sag mal … habe ich das vorhin richtig verstanden: Du hast tatsächlich Karaoke gesagt?«

»Ja – warum?«

»Hm. Ich dachte nicht, dass es das noch gibt.«

»Dein Ernst? Hier ist praktisch jeden Abend irgendwo in irgendeinem Dorf in irgendeiner Bar Karaoke. Ist total beliebt.«

»Dann lass ich mich mal überraschen.« Insgeheim schüttle ich den Kopf über so viel naive Rückständigkeit. Wer will sich denn schon mit dem Mikro in der Hand vor anderen produzieren?

 

Das Lokal, in das wir gehen, ist eine wirklich stylische Bar mit Blick aufs Rathaus des Ortes. Weiß, Chrom, Schwarz und Rot dominieren hier. Hinter einigen Raumteilern sitzen Leute und essen noch, ansonsten ist der Tresen bereits belagert. Eine Handvoll Bedienungen schwirrt herum und balanciert Tabletts mit Gläsern. Volle nach draußen, leere nach drinnen. Die Tische auf dem Bürgersteig vor dem Lokal sind alle besetzt, und Benny zieht mich ans Ende des Tresens. Dort ist weniger Gedrängel, dafür ist es lauter, weil wir in der Nähe der Lautsprecherboxen stehen. Neben uns ist eine kleine freie Fläche, an deren Ende ein großer Flachbildschirm aufgestellt ist. Über ihn läuft ein Liedertext, den eine kleine Blonde voller Inbrunst zur Instrumentalmelodie mitsingt. Mehr laut und falsch als schön und richtig, aber sie hat Spaß, das sieht man.

Ich bekomme einen Drink in die Hand gedrückt, den ich nicht bestellt habe, und sehe mich weiter um. Jede und jeder Zweite, die oder der an uns vorbeigeht, begrüßt Benny. Die meisten mit Küsschen. Sie ist offensichtlich bekannt wie ein bunter Hund. Manchen stellt sie mich vor, machen nicht. Nach weiteren zwei canzoni geht mir der Lärmpegel auf die Nerven und ich deute ihr, dass es mir zu laut sei und ich nach draußen ginge. Sie nickt und kommt mit. Wir stellen uns um die Ecke des Lokals zu einer gemischten Gruppe von Leuten, die alle ungefähr in unserem Alter sein dürften. Hier draußen kann man sich wenigstens einigermaßen unterhalten, und ich lasse mich, nachdem ich wieder allen vorgestellt wurde, ein bisschen über mein Leben in Deutschland und meine Arbeit ausfragen.

Die üblichen Sachen. Ob ich verheiratet sei. Kinder hätte. Welche wollte. Was man halt so fragt, wenn man jemanden nicht kennt, aber irgendwie höflich sein und Smalltalk betreiben möchte.

Eine weitere Runde Getränke kommt, aber ich lehne ab.

»Ach was, auf einem Bein kann man doch nicht stehen!«, sagt ein Kerl neben mir, der diesbezüglich bestimmt schon ein Vierbeiner ist.

»Na, du musst es ja wissen«, frotzelt ihn ein anderer, der auch nicht besonders viel nüchterner wirkt.

Trotz der Sticheleien ist die Stimmung gelöst. Sie unterhalten sich über Gott und die Welt, Fußball, Formel eins und Filme. Lauter Themen, mit denen ich nicht viel anfangen kann. Ich stehe meist schweigend daneben und höre nur zu. Den zweiten Drink lasse ich mir dann doch noch aufs Auge drücken, schließlich muss ich ja nicht fahren. Interessiert beobachte ich das bunte Treiben eines italienischen Sommerabends und fühle mich nicht mehr ganz so fehl am Platz wie zu Beginn des Abends. Die Musik ist ziemlich weit entfernt, und auf diese Distanz lässt sich mancher falsche Ton auch besser aushalten. Immerhin sind die Lieder nicht ganz so schräg, wie ich zuerst befürchtet hatte, und bei dem einen oder anderen ertappe ich mich dabei, dass ich sogar mitsumme.

Der DJ an seinem PC lässt Adriano Celentano auf die Menge los. Ich kenne das Lied, habe es aber schon eine Ewigkeit nicht mehr gehört. Plötzlich skandieren ein paar Stimmen »Benny, Benny, Benny«, und als ich mich umsehe, wird sie gerade von einem schicken, dunkelhaarigen Typen an beiden Händen ins Lokal gezogen. Sie wehrt sich zwar ein bisschen, lacht aber herzlich dabei, und es ist klar, dass sie sich nicht lange zieren wird. Tatsächlich nimmt sie schließlich das Mikro in die Hand, das Lied fängt nochmal von vorne an, und sie beginnt, zu singen.

 »Io non so parlar d’amore, l’emozione non ha voce …«

 Ich habe meine Kusine x-ten Grades Benedetta als kleines Pummelchen in Erinnerung, das immer unscheinbar und durchschnittlich war. Dass aus diesem Entlein ein Schwan wird, hätte ich nicht gedacht, das muss ich zugeben. Klar, wir sind hier nicht in New York, Rio, Tokio, und alles ist relativ, aber hier, in dieser ihrer kleinen Welt, ist Benny eindeutig eine umschwärmte Größe, wie sie mit halb geschlossenen Augen dort steht und mit einem Lächeln auf den Lippen diese uralte Schnulze singt. Ich merke kaum, dass mir schon wieder jemand ein Glas in die Hand drückt und nippe geistesabwesend daran.

Sticht mich da etwa gerade der Neid? Aber ganz bestimmt nicht!

Trotzdem … in einer kleinen, behüteten Ecke meines Herzens macht sich so etwas wie – ja, wie Sehnsucht breit.

 »Tra le mie braccia dormirai serenamente …«, singt sie weiter.

 Wann habe ich zum letzten Mal heiter in den Armen eines Mannes geschlafen?

Wenn Peter jetzt hier wäre! Ja, wenn er jetzt hier wäre, dann könnte ich mich ungeniert an ihn kuscheln, ohne diese ständige Angst, dass uns irgendjemand erkennt, der weiß, dass er verheiratet ist. Hier bräuchten wir uns nicht dauernd zu verstecken, nicht immer alles in größter Heimlichkeit zu unternehmen.

Ein leiser Schmerz nagt an mir.

Es könnte so schön sein …

 

»Un’altra vita mi darai …«

 

Ein anderes Leben … warum verlockt mich dieser Gedanke gerade jetzt?

Ach verdammt, ich weiß schon, warum ich solche Lieder normalerweise hasse. Sie bringen einen nur durcheinander, lassen einen an Sachen denken und sich Dinge wünschen, die unrealistisch und illusorisch sind.

 »Ti sarò per sempre amico …«

 Oh nein – ganz sicher nicht. Männer und Frauen können keine Freunde sein, das funktioniert nicht. Aber … es fühlt sich an, als würde etwas in mir es sich trotzdem wünschen. Ich atme tief auf. Ich hätte nicht herkommen sollen. Irgendwie passt diese pseudoromantische Fröhlichkeit so gar nicht zu meiner geistigen und emotionalen Verfassung.

Die Sehnsucht hat heute Abend scharfe Zähne.

Dann Nonnas Brief … immer wieder schwirren mir Fragmente durch den Kopf, und ich frage mich, was sie damit wohl gemeint haben mag.

Achtlos stelle ich das noch halbvolle Glas auf ein Tischchen in meiner Nähe. Irgendwie ist mir die Stimmung vergangen, aber leider bin ich ja mit meiner Kusine hier. Einfach so nach Hause fahren ist nicht, ich muss auf sie warten, und es sieht mir momentan nicht danach aus, dass sie bald gehen möchte.

Nach Hause?

Wo ist das eigentlich?

Ich werde jetzt mal ein paar Schritte laufen, damit ich den Kopf wieder frei kriege, das ist besser, als hier stehen zu bleiben und sich eine romantische Sehnsuchtsschnulze nach der anderen anzuhören und mir insgeheim etwas zu wünschen, das ich ja doch nicht haben kann. Weil es das gar nicht gibt.

Ich drehe mich entschlossen um und stoße unvermittelt mit dem linken Fuß gegen ein Hindernis, aber da ich gerade mitten in der Bewegung bin und mein Gewicht ungünstig verlagert habe, kann ich die Balance nicht halten. Ein hilfloser Hopser, und ich weiß, ich werde gleich zu Boden gehen. Wenigstens habe ich kein Glas mehr in der Hand, schießt es mir noch durch den Kopf, aber wahrscheinlich werde ich den wackeligen Plastiktisch mitreißen, gegen den ich gestoßen bin, weil ich nicht aufgepasst habe.

Es rumpelt, Gläser klirren …

»Se tradisci, non perdono …«, lässt Benny mich noch wissen, dann aber …

… pralle ich gegen jemanden, der geistesgegenwärtig beide Arme um mich schlingt und mich binnen eines halben Atemzuges wieder sicher auf meine Füße stellt.

»Occhio!«, warnt eine raue Stimme.

Das heißt so viel wie Vorsicht, aufgepasst, und ich drehe mich zu der Stimme um.

Vor mir sehe ich ein abweisendes Gesicht mit zwei unfassbar grünen, funkelnden Augen darin. Der Kerl ist etwa einen Kopf größer als ich und ziemlich breit. Er hat mich mühelos aufgefangen und hält mich noch immer fest.

»Danke! Das Tischbein …« Er riecht … umwerfend!

»Ja, habe ich gesehen. Du solltest besser aufpassen, wo du hinläufst!«

»Tschuldigung …«

Warum er mich dann nicht loslässt, weiß ich nicht, aber wir stehen noch immer ziemlich nahe beieinander, als ich Benny wieder laut und deutlich höre.

 

»Tra le mie braccia dormirai …«

 

In meinen Armen … Oh. Mein. Gott. Diese Arme hier gefallen mir.

Dieser dämliche Celentano-Song!

Mein Herz schlägt mir bis zum Hals, anders kann ich das gerade nicht nennen. Mein Atem stockt einen Moment. Ich spüre den Druck seiner Hände um meine Oberarme, die Wärme, die er ausstrahlt. Damit ich wieder sicher stehen kann, muss ich das Gewicht verlagern und mich einen Moment lang sehr nah an ihn lehnen. Ich bin versucht, diesen Moment hinauszuziehen …

Warum nur ist das so ein gutes Gefühl?

»Danke«, sage ich noch ein zweites Mal aus purer Verlegenheit, als ob das erste nicht gereicht hätte.

»Geht’s wieder?«

Ich nicke, starre ihn aber noch immer an. Irgendwas hat der Kerl in seinem Blick, das mir durch und durch geht. Diese Augen! So grün! Und dann noch diese langen Wimpern dazu. Dunkle Brauen darüber und ein Netz von Fältchen darum. Er ist längst nicht mehr so jung wie die meisten der Typen hier, fällt mir auf. Und seine dunklen Haare sind länger als die aktuelle Mode.

»Schön, dann kannst du ja auf deinen eigenen Füßen stehen, oder?«

»Äh – ja, klar.« Wie schade.

Er lässt mich los und macht einen Schritt zur Seite. Dann wendet er sich von mir ab und konzentriert seine Aufmerksamkeit auf das Geschehen im Inneren des Lokals. Ich stehe noch immer neben ihm – und auch gewaltig neben mir, stelle ich fest. Einen Moment lang fühle ich mich wie bestellt und nicht abgeholt, dann fange ich mich wieder.

»Kann ich dir für deine Rettungsaktion einen Drink spendieren?«, frage ich ein wenig gestelzt. Weil die Musik kurz vorher wieder eingesetzt hat und Benny einen neuen Song schmettert, muss ich mich nahe zu seinem Ohr beugen, damit er mich auch wirklich versteht. Er riecht nach einem herben, würzigen Duft, der mir vorhin schon spontan gefiel. So muss ein Mann riechen!

Er wendet kaum den Kopf, als er mir antwortet. »Nicht nötig. War keine große Sache.« Als wollte er mir andeuten, dass die kleine Sache für ihn nun erledigt ist, verschränkt er die Arme vor der Brust und sieht wieder in die andere Richtung.

Ich weiß genau, dass ich mich ab diesem Augenblick lächerlich mache, aber ich kann einfach nicht aufhören. Es ist mir schon lange nicht mehr passiert, dass ich so ignoriert werde, und das gefällt mir einerseits nicht und stachelt andererseits meinen Ehrgeiz an.

»Kommst du öfter hierher?« Die dämlichste Frage der Welt, ich weiß. Das sagt mir auch seine Miene, als er mir das Gesicht erneut zuwendet und mich ansieht, als hätte ich ihn gefragt, ob er heute Morgen mit dem amerikanischen Präsidenten gefrühstückt hat.

 »Nein, nicht oft.«

 

 

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